Verfasst von: Juli. | 21. November 2017

Rückblick: „Holy“ Land

Vor ein paar Jahren sind Bekannte in den Urlaub gefahren. Nach Israel! Ich weiß noch genau, wie ich mich gefragt habe, warum ausgerechnet diese beiden auf die Idee kamen nach Israel zu fahren, was man dort im Urlaub machen würde und wie man es überhaupt mit seinem Gewissen vereinbaren kann in ein Land, das unter enormen politischen Spannungen steht, in den Urlaub zu fahren… Das alles war für mich unvorstellbar und auf mich wirkten sie eher naiv, statt abenteuerlustig.

Vor sechs Monaten fuhr eine Freundin spontan nach Israel. Nein, eigentlich Palästina! Sie hatte das Glück von einer entfernten Verwandten eine ganz andere Seite des Landes zu sehen, zu erleben und zu hinterfragen. Es war mehr als nur ein Urlaub, es war eine politische Bildungsreise hautnah. Als sie zurückkam, mit befremdlichen Fotos auf ihrer Kamera und dem Drang all ihre Unzufriedenheit über diese Ungerechtigkeit mit uns zu teilen, war sie sehr irritiert von all dem was sie dort gesehen und erfahren hatte. Es waren verstörende aber auch beeindruckende Fotos.

Vor drei Monaten fragte mich mein Chef, ob ich für eine Exkursion nach Israel reisen wollte. Sofort war ich motiviert und interessiert. Wann würde die nächste Chance kommen, eine geführte Reise in einen Teil der Welt, den ich noch nicht gesehen hatte, zu unternehmen? Nachdem ich mich angemeldet hatte, kamen die Zweifel. Ich dachte an den Urlaub meiner Bekannten, an die Reise meiner Freundin und fragte mich, ob es die richtige Entscheidung war.

Eineinhalb Monate später erhielt ich die Zusage. Noch immer war ich unentschlossen, doch letztendlich entschied ich mich für die Exkursion. Unvoreingenommen und offen versuchte ich in dieses Land zu reisen und dennoch führte ich wöchentlich Diskussionen mit meinem inneren Ich.

Vor einem Jahr habe ich den Film „Roadmap to Apartheid“ gesehen. Danach wollte ich den ganzen Abend nicht mehr reden. Zu erschreckend die Bilder, zu unfassbar, dass sich die Geschichte des Apartheidregimes von Südafrika vor unseren Augen in einer neuen Form in Israel zu wiederholen scheint. Und wir? Greifen nicht ein! Ich hatte nichts gewusst von all dem, was dort passiert. Was zeigen uns die Medien schon?! Nichts! Danach hatte ich eine heftige Diskussion mit einem Kollegen, der selbst viele Jahre in Israel gelebt hat. Während ich immer noch am Zweifeln war und jeden Penny der in dieses Land fließt am liebsten boykottieren würde, meinte er, dann sollte ich doch auch nicht mehr nach Südafrika reisen. Das wäre dasselbe! Nach meiner Rückkehr aus Israel einigten wir uns immerhin darauf, dass das Land nicht hübsch, aber das Essen sehr lecker ist. Humus – früh, mittags, abends! 😉

– – –

Das alles ist ein Jahr her. Heute macht es mich immer noch wütend, dass der Normalbürger von all dem nichts weiß. Der Mantel des Schweigens liegt über der Apartheid in Israel, den Rohingya in Myanmar, den widerrechtlichen Verhaftungen in Katalonien und so vielen anderen humanitären Krisenregionen…

Nun, wo Kollegen die nächste Südafrikareise vorbereiten, kommt wieder die Sehnsucht. Nach Südafrika, nicht nach Israel! Auch in Südafrika sind noch lange nicht alle Ungerechtigkeiten und Ungleichheiten beseitigt und es lässt sich streiten, ob (unterschwellige) Diskriminierung schlimmer ist als per Gesetz festgelegte Ungleichheit. Sicher ist, dass ich mich dort wohler fühle. Die ständigen Sicherheitskontrollen in Israel verbreiteten bei mir eher ein ungutes Gefühl. Alle Menschen, die ich bisher getroffen habe und die Israel besucht haben, kamen begeistert zurück. Nur bei mir scheint der Funke nicht übergesprungen zu sein.

Für mich ist klar, sollte ich die Karriereleiter weiter hinaufklettern, nach Israel werde ich nicht noch einmal fahren, auch wenn die landschaftlichen Gegebenheiten denen Südafrikas teilweise sehr ähnlich sind.

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