Verfasst von: Juli. | 23. November 2016

Der Wert der Dinge

Vielleicht begann alles mit einem Bademantel. Monatelang, wenn nicht sogar jahrelang war meine Freundin schon auf der Suche nach einem Bademantel. Kuschelig sollte er sein, mindestens knielang und am liebsten mit Kapuze. Meistens hatte der Preis sie dann letztendlich abgeschreckt.

Nun war es endlich so weit. Ungeplant waren wir in diesem riesigen Laden gelandet, wo es für jede Sportart etwas gab und vieles dazu noch zu sehr günstigen Preisen. Nachdem sie fast eine Stunde damit verbracht hatte verschiedenste Kletterschuhe an- und auszuziehen und wir dringend weiter wollten, griff sie auf dem Weg zur Kasse einfach in das Regal und kaufte diesen lilafarbenen Microfaserbademantel. Abends stolzierte sie damit wie ein Honigkuchenpferd grinsend aus dem Badezimmer. Endlich, ein Bademantel!

Drei Tage später lagen auf dem Boden nur Scherben.

Ich schaute in den Kofferraum. Überall Scherben. Unter den Sitzen schauten noch ein paar Seile hervor, sonst gähnende Leere. Langsam dämmerte mir, dass mein Koffer wohl auch weg. Kein Wunder – so strahlend blau und fast federleicht wie der war, hätte ich den auch mitgenommen. Meine Jeans, schoss es mir durch den Kopf. Meine einzige Jeans ist weg. Komisch welche Dinge einem manchmal einfallen. Dann dachte ich wieder an meinen kleinen Handgepäckkoffer, den ich mir nach langem Überlegen endlich gegönnt hatte, weil ich fand, dass es Zeit war, dass ich nicht immer nur mit Rucksack verreise. Das war genau drei Monate her. Dies war seine zweite Reise gewesen. Schade. Einen Moment später fragte ich mich, ob es Glück oder Pech war, dass ich den kleinen Koffer, statt meines Wanderrucksackes genommen hatte. Dann wäre ganz unerwartet unsere mehr als 10-jährige Beziehung beendet gewesen. Nicht auszudenken, wäre das. Andersherum wäre ich dann wirklich gezwungen mich endlich nach einem neuen Wanderrucksack umzuschauen, denn die alten Nähte beginnen schon wieder aufzureißen.

Dann fällt mir ein, dass auch mein Schlüsselbund im Koffer war. Zum Glück haben wir 4 Schlüssel für die Wohnung! Aber mein Fahrradschlossschlüssel… Oh nein, wie bekomme ich nun mein bombensicheres Fahrradschloss auf? Falls unsere Nachbarn eine Kreissäge besitzen, könnte das sicherlich weiterhelfen, aber eigentlich will ich es nicht zerstören. Immerhin wird das Fahrrad mit diesem Schloss niemand klauen. Nur ich kann eben auch nicht damit fahren.

Plötzlich trifft mich der Blitz! Meine Lieblingsstulpen! Ein Geschenk aus Japan. Extra lang, super warm und einfach schwarz. Als ich sie bekommen habe, dachte ich es ist nichts Besonderes. Ein paar Wochen oder Monate später erkannte ich wie viel sie eigentlich wert waren. Schlicht und einfach, das passte zu all meinen Sachen und so hatten sie mich überall hin begleitet und waren an kalten Tagen oft zu einer zweiten Haut geworden. Sie waren mit mir in Schweden, in Indonesien, in Südafrika, quer durch Europa bis in die Schweiz gereist. In Frankreich hatte ich sie nicht einmal gebraucht, weil es viel wärmer als erwartet war und nun waren sie weg. Einfach so, gerade jetzt wo der Winter vor der Tür steht.

Nach und nach fallen mir noch andere Dinge ein, die im Koffer waren, zum Beispiel guter französischer Nugat und Käse, den ich als Mitbringsel für meine Mitbewohner gekauft hatte. Daran erfreut sich jetzt jemand anderes. Ansonsten waren nur Sportsachen, mittlerweile dreckig und verschwitzt, im Koffer und mein Ebook-Reader. An Lesestoff wird es mir nicht mangeln, denn erst vor kurzem bin ich wieder einmal mit einem Beutel voller Bücher aus der Buchhandlung nach Hause gekehrt. Nur, dass ich jetzt wieder Zeit in eine Kaufentscheidung investieren muss, stört mich und die selbstgenähte Tasche vermisse ich mit ein bisschen Wehmut; ebenso den kleinen Beutel für meine Kopfhörer. Die Zeit und Mühe, die ich dort hinein gesteckt habe und wie stolz ich darauf war. Da beides einige meiner ersten Arbeiten mit der Nähmaschine waren. Nun sind auch diese weg.

Gut zwei Wochen später kann ich sagen, dass meine halbkaputten Sportschuhe neben den Stulpen für mich persönlich wohl der wertvollste Schatz gewesen sind. Denn ohne sie kann ich nur die Hälfte meines Trainings absolvieren und mein Bewegungsdrang lässt sich so schwer stillen. Die erste Reise Wochenendreise habe ich auch wieder ohne Handgepäckskoffer überstanden. Es ist vielleicht nicht ganz so komfortabel, aber ich bin jahrelang so gereist. Nur, dass ich nun wieder zwei Bücher mitschleppe, stört mich etwas. Der Gewichtsunterschied ist nicht zu unterschätzen.

An viele der anderen Dinge kann ich mich schon gar nicht mehr richtig erinnern. Ein Beweis dafür, dass wir eigentlich viel zu viel besitzen, auf vieles verzichten können oder es ersetzbar ist. Aber eben nur fast alles. Wenn ich morgens zur Arbeit radele und der eiskalte Wind an meinen Beinen vorbei pfeift, denke ich an die Stulpen. Es sind die Dinge mit denen ich so viele Erinnerungen verbinde, die mir am meisten fehlen; etwas Selbstgemachtes oder ein Geschenk. Es ist nicht alles ersetzbar doch vielleicht verblassen die Erinnerungen wenn der Sommer kommt.

Und der Bademantel? Der war auch weg, nach nur zweimal tragen. Meine Freundin ist nun wieder auf der Suche, aber vielleicht war es ein Zeichen und sie braucht eigentlich gar keinen Bademantel.


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