Verfasst von: Juli. | 5. Juli 2016

Fahrradliebe

Aufgewachsen bin ich ohne Auto, stattdessen wurde immer alles mit öffentlichen Verkehrsmitteln oder dem Fahrrad erledigt. Als ich alt genug war, bin ich statt mit der Straßenbahn quer durch die Stadt mit dem Rad zum Sport. Als meine Schule nicht mehr nur einen Katzensprung entfernt war, bin ich mit dem Fahrrad gefahren. Am Wochenende haben wir Ausflüge mit dem Rad gemacht. So habe ich das Umland kennengelernt. Mein erster Freund wohnte im Nachbardorf, nur eine schöne Radtour durchs Grün weit entfernt. Im Urlaub haben wir statt eines Autos Fahrräder gemietet.  In den Sommerferien bin ich oft erst einmal um den See herum gefahren, bevor ich meine Freundin abholte und wir uns eine kalte Abkühlung gönnten. Während des Studiums, bin ich mit dem Rad zum Hörsaal. Egal, ob ich dafür von der WG zum Institut am anderen Ende der Stadt musste oder, ob ich nur fünf Gehminuten von der Uni entfernt wohnte, das Rad war dabei.

Als ich zwölf war und zu groß für mein kleines Kinderfahrrad wollte ich unbedingt dieses grüne Rad haben. Knallgrün war es, mit blauen Gabeln, sodass man es schon von weitem gesehen hat. Ich habe es geliebt, nicht nur der Farbe wegen, und es sogar während meines Auslandssemester mit nach Schweden genommen. Bin mit ihm bei -20°C über Schnee und Eis gefahren. Dann kam mir die verrückte Idee von Schweden nach Deutschland zurück bis nach Hause zu radeln. Allein. Zumindest fast. Mein Fahrrad, mein Zelt und ich. Ich erinnere mich noch an den Sonntag Ende Juli, als ich das Gepäck sattelte und es losging. Den ganzen Tag war ich damit beschäftigt, mein Zimmer auf den Kopf zu stellen und meine Sachen zu packen. Ich war aufgeregt von Kopf bis Fuß und habe mich gefragt, wann mir eigentlich diese bescheuerte Idee kam und warum ich das überhaupt mache? Ich wollte die Idee in den Wind blasen vor Aufregung und hoffte mein alter geliebter Drahtesel (niemand wäre wahrscheinlich überhaupt auf die Idee gekommen mit diesem Rad noch eine mehrwöchige Tour zu machen) würde gleich zu Beginn in alle Einzelteile zerfallen. Einfach so aufgeben wollte ich nicht. Gleich am ersten Tag habe ich ein Befestigungsteil für eine meiner Gepäcktaschen verloren. Ich konnte kein Ersatzteil finden und wollte alles abblasen. Immer wieder wurde ich in den ersten Tagen von Regenschauern überrascht und fand mich oft durchnässt radelnd oder unter einem Baum auf trockeneres Wetter hoffend warten. Wieder fragte ich mich, was das alles soll? Doch es waren die Momente der Freiheit, des Glücks und die wunderschönen Landschaften, die mich motivierten weiter zu radeln. Als nach 16 Tagen kurz hinter der deutschen Grenze meine Hinterradachse brach, hatte ich einen der schönsten Urlaube verbracht. Ich hatte meine verrückte Idee in die Tat umgesetzt und Schweden von einer Seite kennengelernt, die nicht jeder zu Gesicht bekommt. Ich wusste, dass dies nicht meine letzte Mehrtagesradtour gewesen ist. Das war im Sommer 2013.

Seither habe ich viele Ideen gehabt, aber wenige realisiert. Rhein, Donau oder Elbe hinab. Endlich zur Ostsee radeln. Oder quer durch die Baltikstaaten. Nun fast drei Jahre später ist es endlich so weit und meine Pläne haben sich verfestigt. Es wird nicht exotisch sondern bodenständig. Eine Tour zum Bodensee, drum herum und wieder zurück. Dass ich da nicht die Einsamkeit wie auf Schwedens abgelegenen Straßen genießen kann, sondern wahrscheinlich Slalom um Fußgänger und andere Radtouristen fahren muss, versuche ich gerade noch auszublenden. Stattdessen würde ich viel lieber sofort mein Gepäck satteln und losradeln und jeden Morgen nachdem ich aus meinem Zelt herausgekrabbelt bin, eine Runde schwimmen gehen.

Doch bis es soweit ist, werden noch ein paar Monate vergehen und ich muss mich mit der täglichen Pendeltour zur Arbeit und einigen längeren Tagestouren begnügen, weil ich bei schönen Wetter einfach nicht drinnen sitzen bleiben kann und Hummeln im Hintern habe.

Mittlerweile habe ich mich von meinem grünen Drahtesel verabschiedet und will den Komfort meines neuen Rades nicht mehr missen. Es liegen wirklich viele Welten dazwischen. Doch so sehr ich mein Fahrrad als innerstädtisches Verkehrsmittel liebe, so sehr kann ich auch all diejenigen verstehen, die Radtouren langweilig finden. Manchmal geht es mir selbst so und aus der geplanten Mehrstundentour wird nur eine Einstundentour, weil mir irgendwie langweilig ist. Doch manchmal gibt es auch Tage an denen ich statt direkt nach Hause zu fahren, einen Umweg fahre, weil das Wetter so schön ist und ich die Sonne genießen möchte. Dann rotieren meine Beine unaufhörlich und bringen mich voran. Manchmal denke ich, ich bin niemand anderes als ein Hamster im Laufrad. Wahrscheinlich stimmt das sogar, aber die Landschaft verändert sich und zieht mal langsamer mal schneller vorbei. Ich liebe es, wenn mir der Fahrtwind durch die Haare weht. Wenn ich den Mund weit auf reiße und tiefe einatme, so als wollte ich den Fahrtwind als Energiequelle nutzen. Wenn ich dann den Kopf zum Himmel strecke der Sonne entgegen und meine Augen schließe, spüre ich die Freiheit. Die Möglichkeit überall hinzufahren und anzuhalten, wann und wo ich möchte.

Vor ein paar Wochen, als ich wieder Mal von der Sonne und dem Radeln euphorisiert nache einer Feierabendtour nach Hause kehre, finde ich einen Brief mit einer der schönsten Karten, die ich bisher gesehen habe. Wenn sogar meine Freunde mir schon Papierfahrräder schicken, bin ich wohl doch fahrrdverliebter als gedacht.

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Mein Papierfahrrad kam mit einem tollen Motto daher:
Lebenskünstler – gehe Wege, auf denen man nicht so schnell vorankommt!

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