Verfasst von: Juli. | 20. Januar 2016

Sprachliche Segregation statt…

Integration, die; Verbindung einer Vielheit von einzelnen Personen oder Gruppen zu einer gesellschaftlichen und kulturellen Einheit. (Duden)

Nicht nur als Flüchtling hat man mit der Integration zu kämpfen, sondern auch als Zugezogener. Vielleicht habe ich es etwas einfacher mich einzugliedern, da ich zumindest eine der offiziellen Landessprachen fließend spreche. Zumindest theoretisch, denn oft muss man beim Schweizerdeutsch die Verbindung zum Hochdeutsch suchen.

Als ich hier ankam, habe ich kaum etwas verstanden. Meistens war das Französisch sogar einfacher als Schweizerdeutsch. Einige Schweizer waren auch so unkooperativ, dass sie sich nicht einmal die Mühe machten sich verständlich zu machen. Bei der Eröffnung meines Bankkontos erklärte mir die Dame dreimal dasselbe (wahrscheinlich auch exakt mit derselben Wortwahl). Ich habe ihr dreimal gesagt, dass ich sie nicht verstehe und gefragt, ob sie es noch einmal wiederholen kann. Erst beim vierten Mal hat sie dann unfreundlich mit Müh und Not versucht Hochdeutsch zu reden.

Bevor ich hier herkam, dachte ich die Schweizer hängen einfach überall -li ran. Machen sie oft, aber die Sprache besteht aus viel mehr als nur den Verniedlichungsformen und dem harten aus dem Rachen kommenden „ch“. Schweizer Hochdeutsch heißt die offizielle Variante des Hochdeutschen. Schwyzerdütsch, so sagt und schreibt man das hier, ist dagegen die Sammelbezeichnung für Dialekte deutschen Ursprungs in der Schweiz.

Hier schniiet es, statt zu schneien. Jeder ist frii, statt frei.

Hier ässe man ununterbrochen Zmorge, Znüuni, Zmorge, Zvieri und Znacht meist zu Huus, aber manchmal auch nüüt. Manchmal, ja manchmal da gönne ich mir auch mal ein Essen auswärts bei min Kolleeg. Dann ässe mir Fondü [Betonung auf der ersten Silbe], Gipfeli und trinke Wy, wo sie mitgebracht han. Merci [erste Silbe betont] dafür.

Hier geht man schaffen, statt zu arbeiten.

Das sind natürlich nur Auszüge aus dem Schwyzerdütsch. Schreiben darf man so wie man es hört – da gibt es keine Regeln. Viel mehr kann ich allerdings nicht schriftlich festhalten, die paar Sätze oben übertreffen schon meine Schmerzgrenze. Ich versuche es gern zu verstehen, aber schreiben und sprechen möchte ich es nicht. Nicht nur weil es sich für mich nicht richtig anfühlt in einem anderen Dialekt zu sprechen, sondern auch weil ich es nicht besonders hübsch klingend finde. Dann oute ich mich lieber und spreche Hochdeutsch. Bin ich nun zu stur mich zu integrieren?

Ganz und gar nicht, aber ich bin schon froh, wenn ich meine Muttersprache korrekt sprechen kann. Die möchte ich mir dann nicht noch mit grausamer Grammatik verderben. In falscher Grammatik sind einige Schweizer Dialekte nämlich auch spitze. Ich bekomme regelmäßig Ohrenschmerzen, wenn ich so manche grammatikalischen Ergüssen, wo (statt: die/welche) es hier hat (statt: gibt), höre.

Aber das Schwyzerdütsch hat auch ein paar feine Details, die ich sehr mag. Die unauffällige Beimischung von französischen Wörtern im Alltag macht die Sprache unglaublich sympathisch und so fahre ich nun Velo zur Arbeit und sage „Merci!“ (zweite Silbe betont!).

Vor ein paar Tagen war ich hier beim Poetry Slam und entgegen meiner Befürchtungen hatte ich nur bei einem der acht Künstler Verständnisprobleme. Ich habe mich also schon ganz gut reingehört in die neue Sprache. Mit meinem Besuch im Baseldytsch Theater warte ich allerdings lieber noch etwas.

Übrigens gibt es am Sprachenzentrum jetzt auch Kurse in Schweizerdeutsch. Ich lerne lieber Suahili.

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Responses

  1. hi hi,

    sehr lustig… ich habe mir mein Hochdeutsch stark erkämpft. Bei uns wird schließlich auch so gesprochen 😉

    Wann gehts nach Südafrika?

    Grüße Meike

    • Auf meine Abneigung dem Schwäbischen gegenüber wollte ich nicht auch noch eingehen. 😉 Dein Hochdeutsch ist gut!
      Mittwoch.


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