Verfasst von: Juli. | 9. Januar 2016

Auf gepackten Koffern

In meiner Kindheit bin ich nicht viel gereist. Wir waren zwar fast jedes Wochenende mit dem Fahrrad in der Umgebung unterwegs, für einen Urlaub sind wir jedoch nur einmal im Jahr an die Ostsee oder an einen anderen Ort innerhalb Deutschlands gefahren. Als ich drei Jahre alt war, sind wir einmal nach Bulgarien, als ich zwölf war nach Spanien. Viel mehr hatte ich bis dahin nicht gesehen. Später bin ich mit der Schule nach Polen, in die Tschechische Republik, nach Frankreich und England gefahren.

Irgendwann wurde mein Fernweh durch die unzähligen TV-Dokumentationen über fremde Länder und Kulturen geweckt, besonders der afrikanische Kontinent hat mich dabei gefesselt. Doch nur in den Urlaub fahren, reichte mir nicht. Ich wollte mehr von den Kulturen erleben als ein Tourist und dazu war ein längerfristiger Aufenthalt unvermeidlich. Nach mehreren Fehlversuchen hatte ich es geschafft ein halbes Jahr in Südafrika als Austauschstudent zu verbringen. Ein langersehnter Traum ging in Erfüllung. Nach meiner Rückkehr fühlte ich mich in Deutschland irgendwie unwohl. Mir fehlten die Internationalität, das Englischsprechen, und das Entdecken von Unbekanntem. Ich fühlte mich genervt davon, dass ich plötzlich wieder alle Gespräche um mich herum verstand, auch wenn ich an den Telefongesprächen meiner Sitznachbarn in der Straßenbahn nicht teilhaben wollte. Ja, ich hatte Schwierigkeiten mich wieder einzuleben.

Ich schaute mich nach einem englischsprachigen Masterstudium um. Doch es gab keine passende Alternative in der Region in dich ich wollte. Eher zufällig entdeckte ich ein englischsprachiges Masterprogramm, welches mir eineinhalb Jahre zuvor schon einmal aufgefallen war und mir einen Doppelabschluss an zwei europäischen Universitäten ermöglichte. Perfekt! Ich konnte mein Fremdsprachenbedürfnis mit einem weiteren Auslandsaufenthalt kombinieren. So kam ich nach Schweden und hatte dort eine der schönsten Zeiten während meines Studiums.

Während meiner fünfjährigen Studienzeit habe ich viermal den Wohnort gewechselt. Zählt man die Umzüge innerhalb der Städte und mehrwöchige Aufenthalte aufgrund von Praktika mit, kommen noch mindestens drei weitere Umzüge hinzu. Kein Wunder, dass ich nach dem Studium nur einen Wunsch hatte: sesshaft werden und mich irgendwo für mehr als nur ein Jahr niederlassen. Ich war nicht müde vom Reisen, aber vom Umziehen und wollte mein Leben nicht mehr jedes halbe Jahr in einem Rucksack ein- oder auspacken.

Vor fast eineinhalb Jahren bin ich nun das letzte Mal umgezogen; von der einen Grenze des Landes an eine andere. Mit dem Flugzeug ist es nur ein Katzensprung in die Heimat, mit dem Zug eine halbe Tagesreise – alles machbar und viel näher als manch anderer Ort an dem ich zwischenzeitlich gewohnt habe und dennoch fühlt es sich so weit weg an.

Ich werde hier noch mindestens weitere zweieinhalb Jahre leben. Ein kleines Stück Sesshaftigkeit, das ich mir so sehr gewünscht hatte. Doch angekommen fühle ich mich immer noch nicht. Vielleicht liegt es an den Menschen hier. Vielleicht liegt es an mir. Ich mag die Stadt sehr, doch irgendwie fühlt es sich immer noch so an als wäre ich nur auf der Durchreise.

Vielleicht bin ich einmal zu viel umgezogen.

DSC04626_1s


Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Kategorien

%d Bloggern gefällt das: