Verfasst von: Juli. | 30. November 2016

Unbeschwert

Drei Wochen besitze ich jetzt schon kein Mobiltelefon mehr. Ein paar Nachrichten habe ich noch verschickt. Kein Panisches „Mein Ladegerät wurde gestohlen und ich bin gleich wahrscheinlich nicht mehr erreichbar“, sondern eher im Style von „Der Urlaub war schön und jetzt sind wir auf dem Rückweg. Du musst unbedingt mal nach Südfrankreich!“ beziehungsweise „Komme erst morgen zurück. Es wird noch eine lange Nacht. Kannst du deinen Schlüssel im Briefkasten lassen?“ Dann war der Akku leer, die Nacht schon stockfinster und die Autofahrt noch lang.

Ab dem darauffolgenden Tag schrieb ich Emails, um Verabredungen zu treffen oder klopfe direkt an die Bürotür meiner Kollegen. Ich bemühte mich mehr wieder pünktlich zu sein und hatte kein schlechtes Gewissen, wenn ich doch etwas später kam und ich immer noch freudig erwartet wurde.

Ich versuchte den Laden zu finden, in dem sonst immer so viel Elektroschrott verkauft wurde. Wahrscheinlich hat es sich nicht rentiert, denn jetzt ist dort nur noch ein Internetcafé. Jeder meiner Freunde hatte plötzlich ein altes Smartphone für mich. Aber ich lehnte nur ab. Das wäre jetzt vielleicht der richtige Moment auf ein Smartphone umzusteigen, aber ich habe einfach keine Lust darauf. Außerdem habe ich doch nur keinen Strom, ansonsten funktioniert alles wie zuvor.

Plötzlich fragen mich die Leute, warum ich gerade kein Handy habe und wie ich damit klar komme. Warum erwartet eigentlich jeder, dass ich rund um die Uhr erreichbar bin? Manchmal empfinde ich das als Last. Es ist ja nicht so als würde mein Handy sonst stündlich klingeln doch es ist schön mal nicht erreichbar zu sein. Wenn ich irgendetwas vibrieren höre, muss ich nicht panisch in der Tasche wühlen, denn mein Mobiltelefon ist es sicherlich nicht. Nur eine Armbanduhr muss ich jetzt wieder häufiger tragen.

Mittlerweile habe ich herausgefunden, dass mein Mitbewohner ein passendes Ladekabel hat und mein Handy mal wieder mit Strom versorgt. Es sieht so aus als wäre ich zurück in der Welt, in der man immer erreichbar ist. Vielleicht nur vorübergehend, vielleicht auf Dauer – ich weiß es nicht.

Verfasst von: Juli. | 23. November 2016

Der Wert der Dinge

Vielleicht begann alles mit einem Bademantel. Monatelang, wenn nicht sogar jahrelang war meine Freundin schon auf der Suche nach einem Bademantel. Kuschelig sollte er sein, mindestens knielang und am liebsten mit Kapuze. Meistens hatte der Preis sie dann letztendlich abgeschreckt.

Nun war es endlich so weit. Ungeplant waren wir in diesem riesigen Laden gelandet, wo es für jede Sportart etwas gab und vieles dazu noch zu sehr günstigen Preisen. Nachdem sie fast eine Stunde damit verbracht hatte verschiedenste Kletterschuhe an- und auszuziehen und wir dringend weiter wollten, griff sie auf dem Weg zur Kasse einfach in das Regal und kaufte diesen lilafarbenen Microfaserbademantel. Abends stolzierte sie damit wie ein Honigkuchenpferd grinsend aus dem Badezimmer. Endlich, ein Bademantel!

Drei Tage später lagen auf dem Boden nur Scherben.

Ich schaute in den Kofferraum. Überall Scherben. Unter den Sitzen schauten noch ein paar Seile hervor, sonst gähnende Leere. Langsam dämmerte mir, dass mein Koffer wohl auch weg. Kein Wunder – so strahlend blau und fast federleicht wie der war, hätte ich den auch mitgenommen. Meine Jeans, schoss es mir durch den Kopf. Meine einzige Jeans ist weg. Komisch welche Dinge einem manchmal einfallen. Dann dachte ich wieder an meinen kleinen Handgepäckkoffer, den ich mir nach langem Überlegen endlich gegönnt hatte, weil ich fand, dass es Zeit war, dass ich nicht immer nur mit Rucksack verreise. Das war genau drei Monate her. Dies war seine zweite Reise gewesen. Schade. Einen Moment später fragte ich mich, ob es Glück oder Pech war, dass ich den kleinen Koffer, statt meines Wanderrucksackes genommen hatte. Dann wäre ganz unerwartet unsere mehr als 10-jährige Beziehung beendet gewesen. Nicht auszudenken, wäre das. Andersherum wäre ich dann wirklich gezwungen mich endlich nach einem neuen Wanderrucksack umzuschauen, denn die alten Nähte beginnen schon wieder aufzureißen.

Dann fällt mir ein, dass auch mein Schlüsselbund im Koffer war. Zum Glück haben wir 4 Schlüssel für die Wohnung! Aber mein Fahrradschlossschlüssel… Oh nein, wie bekomme ich nun mein bombensicheres Fahrradschloss auf? Falls unsere Nachbarn eine Kreissäge besitzen, könnte das sicherlich weiterhelfen, aber eigentlich will ich es nicht zerstören. Immerhin wird das Fahrrad mit diesem Schloss niemand klauen. Nur ich kann eben auch nicht damit fahren.

Plötzlich trifft mich der Blitz! Meine Lieblingsstulpen! Ein Geschenk aus Japan. Extra lang, super warm und einfach schwarz. Als ich sie bekommen habe, dachte ich es ist nichts Besonderes. Ein paar Wochen oder Monate später erkannte ich wie viel sie eigentlich wert waren. Schlicht und einfach, das passte zu all meinen Sachen und so hatten sie mich überall hin begleitet und waren an kalten Tagen oft zu einer zweiten Haut geworden. Sie waren mit mir in Schweden, in Indonesien, in Südafrika, quer durch Europa bis in die Schweiz gereist. In Frankreich hatte ich sie nicht einmal gebraucht, weil es viel wärmer als erwartet war und nun waren sie weg. Einfach so, gerade jetzt wo der Winter vor der Tür steht.

Nach und nach fallen mir noch andere Dinge ein, die im Koffer waren, zum Beispiel guter französischer Nugat und Käse, den ich als Mitbringsel für meine Mitbewohner gekauft hatte. Daran erfreut sich jetzt jemand anderes. Ansonsten waren nur Sportsachen, mittlerweile dreckig und verschwitzt, im Koffer und mein Ebook-Reader. An Lesestoff wird es mir nicht mangeln, denn erst vor kurzem bin ich wieder einmal mit einem Beutel voller Bücher aus der Buchhandlung nach Hause gekehrt. Nur, dass ich jetzt wieder Zeit in eine Kaufentscheidung investieren muss, stört mich und die selbstgenähte Tasche vermisse ich mit ein bisschen Wehmut; ebenso den kleinen Beutel für meine Kopfhörer. Die Zeit und Mühe, die ich dort hinein gesteckt habe und wie stolz ich darauf war. Da beides einige meiner ersten Arbeiten mit der Nähmaschine waren. Nun sind auch diese weg.

Gut zwei Wochen später kann ich sagen, dass meine halbkaputten Sportschuhe neben den Stulpen für mich persönlich wohl der wertvollste Schatz gewesen sind. Denn ohne sie kann ich nur die Hälfte meines Trainings absolvieren und mein Bewegungsdrang lässt sich so schwer stillen. Die erste Reise Wochenendreise habe ich auch wieder ohne Handgepäckskoffer überstanden. Es ist vielleicht nicht ganz so komfortabel, aber ich bin jahrelang so gereist. Nur, dass ich nun wieder zwei Bücher mitschleppe, stört mich etwas. Der Gewichtsunterschied ist nicht zu unterschätzen.

An viele der anderen Dinge kann ich mich schon gar nicht mehr richtig erinnern. Ein Beweis dafür, dass wir eigentlich viel zu viel besitzen, auf vieles verzichten können oder es ersetzbar ist. Aber eben nur fast alles. Wenn ich morgens zur Arbeit radele und der eiskalte Wind an meinen Beinen vorbei pfeift, denke ich an die Stulpen. Es sind die Dinge mit denen ich so viele Erinnerungen verbinde, die mir am meisten fehlen; etwas Selbstgemachtes oder ein Geschenk. Es ist nicht alles ersetzbar doch vielleicht verblassen die Erinnerungen wenn der Sommer kommt.

Und der Bademantel? Der war auch weg, nach nur zweimal tragen. Meine Freundin ist nun wieder auf der Suche, aber vielleicht war es ein Zeichen und sie braucht eigentlich gar keinen Bademantel.

Verfasst von: Juli. | 25. Oktober 2016

Unterschwellig

Oktober 2016, ein weiteres Jahr ist vergangen seit dem ich hier bin. Zwei Jahre sind es nun schon.

Immer wieder fragen mich Freunde oder Verwandte, ob ich etwas spüre von der Unbeliebtheit von Ausländern in diesem Land. Ich sage dann oft „Nein“, denn im Dreiländereck verschwimmen die Grenzen und es ist ungewiss, wer wo wohnt und wer nur ein Tourist ist. Ich selbst habe zumindest nie eine Art der Diskriminierung wahrgenommen, aber viele Geschichten gehört von meist afrikanisch stämmigen Personen (oder Personen, die zumindest so aussehen), die fast täglich irgendwo ihre Papier vorzeigen müssen. Auch Deutsche sind angeblich nicht besonders beliebt, denn sie nehmen den Schweizern in Scharen die Arbeitsplätze weg. Das stimmt wahrscheinlich auch in vielen Bereichen. Schweizer Studenten zum Beispiel würden für den Lohn von dem deutsche Doktoranden nur träumen niemals eine Dissertation anfangen, wenn sie nicht wirklich an der Forschungsarbeit interessiert sind. Für ein Praktikum im Bundesamt für sowieso bekommen sie hier stattdessen geregelte Arbeitszeiten und mehr als ein Doktorandengehalt. Über die Gehälter in der freien Wirtschaft möchte ich gar nicht erst spekulieren. Klar ist jedoch auch, dass die Schweizer Wirtschaft ohne die zahlreichen arbeitswilligen Ausländern schon längst stehen geblieben wäre. Sie brauchen uns, aber wollen es nicht zugeben.

Oktober 2016, das heißt auch, dass ich wieder eine neue Aufenthaltsbewilligung benötige. Ausländerausweis heißt das hier. Allein den Name finde ich schon diskriminierend. Seit heute würde ich auch ganz klar sagen, dass ich Diskriminierung erfahren habe. Meine neue Aufenthaltsbewilligung ist eingetroffen. Erneut ist sie wieder nur ein Jahr gültig. Erneut will das Amt für Migration natürlich auch wieder Geld von mir. Es ist keine Unsumme (vielleicht habe ich mich auch einfach schon an das Preisniveau hier gewöhnt), aber es summiert sich über die Jahre. Ein Jahr?! Und das obwohl mir mit einem Arbeitsvertrag von mehr als 365 Tagen offiziell eine Bewilligung für fünf Jahre zusteht. Nach einem Anruf beim Amt leiert der Mitarbeiter seine Floskeln herunter, dass das alle Angestellte an der Universität betrifft. Ich weiß jedoch, dass das so nicht stimmt. Ich kenne mindestens vier Personen, die trotz selben Arbeitsbedingungen wie ich eine Bewilligung für fünf Jahre bekommen haben. Als ich ihn darauf anspreche, fragt er seinen schlauen Computer. Die eine Bescheinigung wurde in einem anderen Kanton ausgestellt. Das ist ihre Sache, wie die das dort machen. Die zweite Bescheinigung war für eine Tschechin. Das muss wohl ein Versehen gewesen sein. Das machen wir nie so. Die dritte und vierte beide ebenfalls für fünf Jahre – das war dann wohl erneut ein Versehen? Ach, die gingen beide an Engländer, antwortet er ganz überrascht als ob das eine Erklärung wäre. Und ich, ich komme aus Deutschland (was er natürlich an meinem Hochdeutsch schon längst erkannt und in seinem schlauen Computer einsehen konnte) und deswegen steht mir keine Bewilligung für fünf Jahre zu? Darauf folgt eine Abspeisung mit sich wiederholenden Floskeln.

Mir fällt die Kinnlade hinunter und ich weiß nicht, ob ich noch an Zufall oder Amtsversagen glauben soll…

Verfasst von: Juli. | 29. September 2016

Zwischen den Seen

Das gute Wetter am Wochenende führte mich tief in die Alpen von einem Gletscher zum längsten Gletscher der Alpen. Vom Blick auf den Eiger zum Blick auf das Matterhorn und den Mont Blanc. Vom Berner Oberland ins Wallis. Von einer Touristenhochburg in die Einöde. Dazwischen ein Zwischenstopp in Interlaken. Ich hatte schon vieles über diese Stadt gehört, gutes und schlechtes. Ich dachte, es könnte nicht so schlimm sein, wie manch einer erzählte, doch nun konnte ich mir endlich meine eigene Meinung bilden.

Zwischen Thuner und Brienzer See gelegen, ist Interlaken das Eingangstor zu so vielen großartigen Attraktionen und Aussichtspunkten in den Alpen. Wer allerdings glaubt, er hätte die Schweiz gesehen, wenn er diese Stadt besucht hat, der täuscht sich. Es gibt wirklich keine Stadt mit weniger Charme. Allerdings gibt es wahrscheinlich auch keine Stadt, die sich besser vermarktet als Interlaken.

Zwischen den zwei Bahnhöfen erstreckt sich eine kilometerlange verwinkelte Einkaufsmeile. Hier geben sich Swatch, Svarovski, Victorinox, Gucci,… und unzählige Souvenirläden die Klinke in die Hand. Die Geschäfte sind (selbst für Schweizer Großstädte ungewöhnlich) auch am Samstag bis 21 Uhr geöffnet. Viele sogar am Sonntag. Verkäufer kommen aus aller Welt und sprechen unzählige Sprachen fließend. An jedem Geschäft hängen irgendwelche Rabatt- oder taxfree- Zeichen. Oben drauf gibt es dann noch extra Prozente, wenn man bar bezahlt. Hier wird das Geld umgewälzt. Zwischen den ganzen Bling-bling Shops finden sich unzählige Restaurants vor denen Speisekarten in sämtlichen Schriftzeichen hängen.

Verschwitzt und mit meinem Wanderrucksack auf dem Rücken fühle ich mich hier total fehl am Platz und bin froh, dass ich dort keine Nacht verbringen muss. Das kleine Brig mit seiner mittelalterlichen Altstadt hat da wesentlich mehr Charme und eine einladendere Atmosphäre und von dort ist es auch nur ein Katzensprung zum Aletschgletscher.

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…und auf einmal fühlt man sich winzig, wenn man auf so einen riesigen Eisstrom schaut. Atemberaubend. Willkommen am Aletschgletscher, dem längsten Gletscher der Alpen.

Verfasst von: Juli. | 16. September 2016

Nachtzug nach Amsterdam

dsc08266Bevor die DB zum Jahresende eine große Anzahl an Nachtzugverbindungen streicht, bot sich die Gelegenheit die gute Verbindung nach Amsterdam zu nutzen. Freunde, die dort gerade frisch auf ein Hausboot gezogen sind, hatten zu einer Sommerabschluss- und Einweihungsparty eingeladen. Mit Mietfahrrädern erkundeten wir die Stadt und die Küste. Als wir so den Deich entlang radelten, fühlte ich mich fast wie zu Hause. Mitten durchs Grüne auf dem Deich entlang, umzingelt von Schafen und Wasser. Nur die vielen Segelboote erinnerten mich daran, dass ich gerade nicht an der Oder entlang radelte.

Die Stadt ist perfekt für den Fahrradtourismus ausgebaut. Ein hervorragendes Wegenetz und natürlich ist alles recht flach. Obwohl wir unzählige Radfahrer gesehen haben, hatte nicht einer von diesen einen Fahrradhelm auf. Seitdem ich mich täglich durch den Straßenverkehr kämpfe, mit Helm, war dies ein ungewohnter Anblick für mich. Vielleicht liegt es daran, dass die meisten Bewohner Amsterdams Fahrräder ohne Gangschaltung fahren und damit in ihrer Fahrtgeschwindigkeit gedrosselt sind. Mit unserer 3-Gang Narbenschaltung hatten wir da schon fast luxuriöse Räder. Zumindest, wenn die Schaltung funktioniert hätte. Ich hatte leider nicht dieses Glück und strampelte mich das ganze Wochenende wie ein Hamster im Laufrad ab. Das führte sogar so weit, dass ich nach unzähligen Jahren mal wieder Muskelkater vom Radfahren bekam aber gleichzeitig wie ein Stein im Nachtzug schlief.

Einmal noch Nachtzug fahren bevor er eingestellt wird. Vielleicht sollte ich schnell noch eine Reise nach Prag planen, bevor das mit dem Nachtzug auch nicht mehr möglich ist…

Verfasst von: Juli. | 12. August 2016

(K)ein zurück

Wie oft kann man einen Ort besuchen ohne eine emotionale Bindung aufzubauen? Manchmal reicht nur ein Besuch. Manchmal wird man nie eine Verbindung fühlen.

Innerhalb einer Woche sind da zwei Personen, die mir unabhängig voneinander sagen, dass sie vermuten, dass ich irgendwann nach Südafrika ziehen werde. Die eine kennt mich schon bald 20 Jahre und hat sich damit abgefunden, dass ich laufend unterwegs bin und hin und her ziehe. Die andere spricht diese Prophezeiung aus nachdem sie mich gerade einmal zwei Stunden kennt…

Ich antworte, dass ich es nur für einen sehr guten Grund tun würde und denke an die Liebe oder den Traumjob. Gleichzeitig beginnt sich wieder das Gedankenkarussel zu drehen. Wo liegt meine Zukunft? Wie oft möchte ich noch umziehen? Wäre Südafrika eine Option? Könnte ich meine Familie und Freunde soweit zurück lassen?

Wie oft kann man einen Ort besuchen ohne sich mit ihm zu verbünden?

Vier Mal war ich jetzt hier. Jedes Mal hat es mir gefallen. Jedes Mal war der Abschied auf eine andere Art traurig und schön. Heute wollte ich abreisen, eigentlich war der Abflug jedoch schon für gestern geplant. Zumindest auf dem Papier, in meinem Kopf jedoch nicht… Vielleicht war das ein erstes Zeichen. Nachdem ich kurz darüber nachgedacht hatte einfach noch länger hier zu bleiben, da ich sowieso einen neuen Rückflug brauchte, habe ich mich dann jedoch entschieden, wie geplant heute abzureisen. Ich werde also zumindest heute ein weiteres Mal „Auf Wiedersehen Südafrika!“ sagen.

Verfasst von: Juli. | 12. August 2016

Mandela Bay Winters

Ein paar eisige Nächte und warme Tage später verlassen wir die Karoo und machen uns auf den Weg nach Port Elizabeth. Mit jedem Kilometer steigt die Temperatur merklich an. Die Felder leuchten in allen Schattierungen von sanftem gelb bis beige. Alles wirkt trocken und nur langsam verwandeln sich die ausgewaschenen Farben in saftiges Grün. 400 km weiter südlich, erwarten mich 34°C und ich ärgere mich, dass ich weder Bikini noch Sommerschuhe mitgenommen habe. Auf so heiße Temperaturen war ich nicht eingestellt. Ein Bad im Meer kann ich natürlich nicht abschlagen und so werfe ich mich in die Wellen und genieße den Rest des Tages im und am Wasser.

Surfen ohne Neopren – das nennen sie hier also Winter in Port Elizabeth!😉

Verfasst von: Juli. | 12. August 2016

Karoo Winters

Die Sonne steht hoch und doch ist das Licht weich. Alles wirkt irgendwie ausgeblichen. Das Gras ist gelbgrün, die sandfarbenen Gräser wehen im Wind, die Weiden stehen nackig und hellgrau ohne Blätter in der Gegend herum. Nur wenige Blätter sind noch an den Büschen.

In der Sonne ist es warm. Viel wärmer als das Thermometer behauptet. Doch dann ist die Sonne hinter dem Hügel verschwunden und alles geht ganz schnell. Mit jeder Minute wird es dunkler und kälter. Meine Füße sind kalt und ich tanze durch die Landschaft in der Hoffnung mich warm zu halten und die Zeit bis zum Ende der Messungen schneller vergehen zu lassen. Als alles vorbei ist, ist es stockfinster. Immerhin steht der Mond hoch am Himmel und leuchtet den Weg zum Auto. Meine Stirnlampe habe ich schon für den nächsten Trip gepackt und zu Hause vergessen. Das Thermometer im Auto zeigt +2°C und es ist gerade einmal 18:30. Ich wünschte ich hätte dickere Handschuhe eingepackt. Eigentlich wünsche ich mir gerade irgendwelche Handschuhe, denn meine liegen im Haus. Ich wünschte mir lange Unterhosen – die habe ich naiv wie ich war gleich ganz zu Hause vergessen. Und ich will endlich beheizbare Schuhsolen!

Im Haus angekommen, ist es nicht viel wärmer. Die Fenster sind nur einfach verglast, statt einer Heizung gibt es drei Kamine. Wir befeuern gleich alle drei, um die Raumtemperatur wenigstens um ein paar Grad anzuheben. Einen fühlbaren Temperaturunterschied merken wir jedoch nur genau vor dem Feuer sitzend. Ich wage mich noch einmal hinaus. Draußen herrscht Stille und ich bestaune den Sternenhimmel. Hier mitten in der tiefsten Karoo ist die einzige Lichtverschmutzung der Mond. Die Milchstraße mit Abertausenden von Sternen genau über uns. Daneben die Magellanwolken. Der Himmel tiefschwarz, wenn der Mond nicht wäre. Als ich meine Finger nicht mehr spüre und dadurch die Bedienung der Kamera immer schwieriger wird, lasse ich die Nacht allein.

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Auf den Betten liegen Heizdecken und auch wenn das irgendwie nach einer Erfindung für Rentner klingt, bin ich so froh über diese Erfindung! Sich in ein vorgewärmtes Bett legen zu können, während der ganze Körper vor Kälte zittert, macht das Einschlafen wesentlich erträglicher.

Am nächsten Morgen ist es immer noch kalt im Haus. Zum Frühstück verziehen wir uns wieder an den Kamin. Wir wärmen unsere Mägen mit Porridge und unsere Hände an den heißen Teetassen. Draußen ist es noch kälter. Das Thermometer sagt -6°C! Die Landschaft glitzert im ersten Sonnenlicht wie von Feenstaub bedeckt. Die Luft ist klar und kühl. Nur eine Stunde später wärmt die Sonne schon wieder so sehr, dass ich mich nach und nach von meinen Schichten trenne. Es sind wohl nur 15°C, die fühlen sich aber nach den eisigen Morgenstunden mindestens 10 Grad wärmer an.

Ein nicht endendes Wechselspiel aus eiskalten Nächten und wärmendem Sonnenschein, das ist der Winter in der Karoo.

Verfasst von: Juli. | 28. Juli 2016

Endlich Regen!

Trotz den gewaltigen Wassermassen, die gestern vom Himmel fielen, habe ich nicht einen einzigen Südafrikaner schlecht über den Regen reden hören. We need it! Wir brauchen ihn! Das haben sie stattdessen gesagt. Wie wahr! Schon bei meinem Aufenthalt hier im Februar waren in fast jeder Unterkunft Hinweise zum Wassersparen zu finden und die Obstregale nur halb so gut gefüllt, wie in anderen Jahren zuvor. Der Winter 2015 war sehr trocken und viele Staudämme vor Sommeranfang gerade einmal bis zur Hälfte gefüllt. Das ist nicht viel Wasser, wenn man den Durst der wachsenden Wirtschaft und der Bevölkerung stillen möchte. Im vergangenen Sommer gab es landesweit Ernteeinbußen von mindestens 20%. Mais und Zucker als wichtigste Grundnahrungsmittel mussten in großen Mengen importiert werden, um die Bevölkerung zu versorgen. Auch der Winter 2016 ist bisher sehr trocken. Momentan sind die Staudämme landesweit mit gerade einmal 54% ihrer Kapazität gefüllt. In der Region Western Cape gerade einmal 30%. Wenn die Reserven nicht noch bis zum Sommer ansteigen, wird das Land erneut in großen Teilen mit einer Nahrungsmittelkrise zu kämpfen haben.

Meine sehr umweltbewussten Freunde spülen nur noch, wenn die Toilette randvoll ist oder es wirklich nötig ist. Während eine meiner Mitbewohner sogar zweimal täglich mindestens 20 Minuten duschen geht. Es ist wie so oft ein Problem, dass leider nicht jedem bewusst ist und auch nicht jeden Bewohner des Landes betrifft. Während die Bevölkerung um Kapstadt herum ihren Garten nur noch dreimal wöchentlich für maximal eine Stunde bewässern darf, strömt auf einer Farm in der Karoo das Wasser unaufhörlich aus dem Sprinkler, da sonst die Leitungen wegen Überdruckes platzen würden.

Die Politik scheint ebenso wie in der Energiekrise auch bei der Wassernutzung zu schlafen. Während der Energieverbrauch schon seit Jahrzehnten steigt, die Energieversorgung aber nicht weiter ausgebaut wurde, muss sich die Bevölkerung mit Stromrationierungen anfreunden. Ein ähnliches Bild scheint sich nun auch bei der Wasserversorgung anzubahnen. Statt drastische und so dringend nötige Wassersparmaßnahmen durchzusetzen, dreht sich in der Politik alles um die anstehenden Kommunalwahlen. In der Hoffnung das Wasser würde irgendwann in ausreichenden Mengen vom Himmel fallen und alle Dämme wieder füllen. Vielleicht tut es das. Vielleicht nicht.

Mehr Infos zu den Wasserständen der Staudämme gibt es hier: Water is Life, Sanitation is dignity!

Verfasst von: Juli. | 26. Juli 2016

Flashback

Vor fünf Jahren, fast auf den Tag genau, bin ich das erste Mal in Südafrika gelandet. Dass ich einige Jahre später die Möglichkeit haben werde, regelmäßig hierher zu kommen, habe ich damals noch nicht geahnt. Es war glaube ich ein Donnerstag, ein wolkenverhangener Tag, an dem man die Umrisse des Tafelberges nur schemenhaft erkennen konnte. Der Wind blies abwechselnd aus allen Richtungen und ab und zu gesellte sich Nieselregen dazu. Ich war froh auf meine rote Regenjacke Vertrauen zu können und schätzte in den nächsten Wochen die Fleece-Jacke, die meine Mutter ohne meine Zustimmung vor meiner Abreise noch in mein Gepäck geschmuggelt hatte, sehr. In den ersten Wochen erreichte die Temperatur kaum mehr als 15°C, wenn es bewölkt und windig war. In der Unterkunft gab es keine Heizung und wir mummelten uns häufig auf dem Sofa in warme Decken, um uns aufzuwärmen. Die Zähne putze ich mir beim Duschen, weil das wärmer war. Ich hatte den südafrikanischen Winter unterschätzt.

Heute sieht es sehr ähnlich aus. Nachdem der südafrikanische Winter letzte Woche mit seinen 22°C fast noch mit unserem bisherigen Sommer mithalten konnte, hat sich das Blatt seit ein paar Tagen gewendet. Ein grauer Schleier liegt über der Stadt. Der Himmel ist bedeckt und seit meiner Ankunft vor gut 8 Stunden regnet es unaufhörlich aus allen Richtungen. Ich hoffte drinnen würde es wärmer werden, aber natürlich gibt es in dem Haus keine Heizung. Immerhin gibt es einen Kamin, der hoffentlich zu späterer Stunde einheizt. Ich hatte die alten Erinnerungen, die gerade so viele glasklare Bilder in meinem Kopf ergeben, einfach verdrängt. Ich ärgere mich, dass ich nicht die langen Unterhosen eingepackt habe. Eine Wärmflasche wäre vielleicht auch sinnvoll gewesen. Nun hoffe ich, dass ich die nächsten Tage so viel arbeite, dass mir dabei warm wird. Vielleicht ist mein Büro sogar beheizt.

Verfasst von: Juli. | 21. Juli 2016

Unter dem Himmelszelt

Der Sommer ist da und während im Tal alle Schwitzen bläst in den Bergen weiter der kühle Wind. Blauer Himmel und Sonnenschein waren optimale Bedingungen für eine 2-Tagestour zum Hohtürli. Schon von unten sahen wir den Schnee. Als einzige hatte ausgerechnet ich, die Flachländlerin ohne Bergerfahrung, vermutet, dass oben noch Schnee liegen würde. In den vergangenen Tagen hatte es bei uns viel geregnet und auch in vielen tieferen Lagen der Alpen geschneit. Vor uns lag der Beweis. Schnee, und zwar nicht nur auf den Gipfeln! So blieb uns nichts anderes übrig als auf dem letzten halben Kilometer durch den Schnee zu stapfen, natürlich bergauf. Da wir erst mittags losgelaufen waren, hatten schon so einige Wanderer vor uns Fußstapfen im Schneematsch hinterlassen und wir konnten teilweise erahnen, wie der Weg darunter aussieht oder wo sich die Treppenstufen befinden. Kein einfaches Verfangen am Ende eines Tages an dem wir schon mehr als 1500 Höhenmeter überbrückt hatten. Vom Hohtürli aus sind es nur noch ein paar Höhenmeter bis zur Blüemlisalphütte, wo wir uns ein gutes Abendessen gönnten. Draußen gab es einen kleinen Wetterumschwung. Wir befanden uns nun über einem Wolkenmeer aus dem die Gipfel der umliegenden Berge hinaus ragten. Der eisige Wind heulte und pfeifte und so einige Wanderer zollten uns Respekt als wir uns auf die Suche nach einem geeigneten Platz für unser Nachtlager machten. Meine erste Nacht in den Alpen. Draußen. Bei ca. 4°C. Auf 2840 Meter Höhe.

Während auf der einen Seite die Sonne untergeht,

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geht der Mond auf der anderen auf.

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Noch bevor es ganz dunkel ist, verziehen wir uns in unseren Biwak und den warmen Schlafsack, da der Wind mittlerweile sehr eisig ist. So starren wir mit offenen Augen in den Himmel hinaus und warten auf jeden weiteren Stern. Ich schlafe kaum, weil der Wind so heult und drückt. Ab und zu öffne ich mein Biwak, um den Blick in den Sternenhimmel zu genießen. Irgendwann gegen 4 Uhr werde ich wach, weil unsere Zeltnachbarn sich für die Erklimmung der Nordwand bereit machen. Die Kette aus Stirnlampenlichtern, von den Wanderen, die etwa zur selben Zeit aus der Hütte aufbrechen, um die Wildi Fru zu besteigen, verpasse ich, weil mir gerade so kuschelig warm ist und ich das Biwak nicht öffnen möchte. Ich wache auf, als es schon hell, aber immer noch kalt und windig ist. Es kostet etwas Überwindung aus dem Schlafsack zu kriechen und einiges an Kraft alles einzupacken, ohne das etwas von den Sturmböen weggeweht wird. Schnell suchen wir uns einen windgeschützten sonnigen Platz und erwarten sehnsüchtig den warmen Frühstückstee. Am Hohtürli weht es eisig, gerade so als hätte jemand die Himmelstüre offen gelassen. Doch nur ein paar Meter weiter unten ist der Wind verflogen und die Sonne erwärmt uns rasch beim steilen Abstieg.

Vier Tage später ist auch endlich der Muskelkater verflogen und ich bin bereit für ein neues Abenteuer, über oder unter den Wolken.

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Verfasst von: Juli. | 7. Juli 2016

Du bist so wunderbar!

Lang ist es her seitdem ich das letzte Mal in Berlin zu Besuch gewesen bin. Nun durfte ich endlich mal wieder Tourist sein, in einer Stadt in der ich mich schon so gut auskenne und trotzdem immer wieder Neues entdecke. Es hat sich so viel verändert und doch ist alles wie immer. Die Stadt wächst zusehends, dennoch kann man so viel zu Fuß erlaufen. Immer dabei, der Fernsehturm! Von so vielen Ecken und aus so unterschiedlichen Perspektiven kann man ihn sehen, wie kaum ein anderes Wahrzeichen einer Großstadt. Ich mag wie Kultur und Geschichte nahtlos ineinander übergehen, wie sich die alten imposanten Gebäude mit der modernen Architektur vermischen.

Es gibt viele Gründe Berlin zu lieben. An diesem Wochenende ist es für mich das günstige Eis und die verrückten Geschmacksrichtungen, der Trubel im Mauerpark an einem Sonntag und die Berliner Schnauze. Ich muss zugeben, die habe ich etwas vermisst. Direkt, lässig und dennoch leicht ruppig – für mich irgendwie ein Ohrenschmaus. Wahrscheinlich ist es genau diese Kombination, über die sich meine Freunde manchmal amüsieren, wenn ich ganz direkt geradeaus rede und sie es wieder die „Eastern German straightforwardness“ nennen.

Auch wenn in den Nachrichten immer häufiger anderes zu hören ist, habe ich immer noch das Gefühl in Berlin kannst du sein wie du bist. Du musst dich nicht verstellen oder verstecken, sondern kannst die Freiheit genießen. Die Stadt ist voller Eigenbrötler, 0815-Typen und kreativer Köpfe frei nach dem Motto „To be yourself is all that you can do!“ (Audioslave).

Und während Peter Fox in meinem Kopf noch singt…

Guten Morgen Berlin!
Du kannst so hässlich sein,
so dreckig und grau.
Du kannst so schön schrecklich sein […]

Du bist nicht schön
und das weißt du auch.
Dein Panorama versaut.
Siehst nicht mal schön von weitem aus […]

…denke ich, Schönheit ist Ansichtssache, aber der Puls der Stadt und die Atmosphäre, die sind unschlagbar.

Berlin muss man einfach erleben!

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Verfasst von: Juli. | 5. Juli 2016

Fahrradliebe

Aufgewachsen bin ich ohne Auto, stattdessen wurde immer alles mit öffentlichen Verkehrsmitteln oder dem Fahrrad erledigt. Als ich alt genug war, bin ich statt mit der Straßenbahn quer durch die Stadt mit dem Rad zum Sport. Als meine Schule nicht mehr nur einen Katzensprung entfernt war, bin ich mit dem Fahrrad gefahren. Am Wochenende haben wir Ausflüge mit dem Rad gemacht. So habe ich das Umland kennengelernt. Mein erster Freund wohnte im Nachbardorf, nur eine schöne Radtour durchs Grün weit entfernt. Im Urlaub haben wir statt eines Autos Fahrräder gemietet.  In den Sommerferien bin ich oft erst einmal um den See herum gefahren, bevor ich meine Freundin abholte und wir uns eine kalte Abkühlung gönnten. Während des Studiums, bin ich mit dem Rad zum Hörsaal. Egal, ob ich dafür von der WG zum Institut am anderen Ende der Stadt musste oder, ob ich nur fünf Gehminuten von der Uni entfernt wohnte, das Rad war dabei.

Als ich zwölf war und zu groß für mein kleines Kinderfahrrad wollte ich unbedingt dieses grüne Rad haben. Knallgrün war es, mit blauen Gabeln, sodass man es schon von weitem gesehen hat. Ich habe es geliebt, nicht nur der Farbe wegen, und es sogar während meines Auslandssemester mit nach Schweden genommen. Bin mit ihm bei -20°C über Schnee und Eis gefahren. Dann kam mir die verrückte Idee von Schweden nach Deutschland zurück bis nach Hause zu radeln. Allein. Zumindest fast. Mein Fahrrad, mein Zelt und ich. Ich erinnere mich noch an den Sonntag Ende Juli, als ich das Gepäck sattelte und es losging. Den ganzen Tag war ich damit beschäftigt, mein Zimmer auf den Kopf zu stellen und meine Sachen zu packen. Ich war aufgeregt von Kopf bis Fuß und habe mich gefragt, wann mir eigentlich diese bescheuerte Idee kam und warum ich das überhaupt mache? Ich wollte die Idee in den Wind blasen vor Aufregung und hoffte mein alter geliebter Drahtesel (niemand wäre wahrscheinlich überhaupt auf die Idee gekommen mit diesem Rad noch eine mehrwöchige Tour zu machen) würde gleich zu Beginn in alle Einzelteile zerfallen. Einfach so aufgeben wollte ich nicht. Gleich am ersten Tag habe ich ein Befestigungsteil für eine meiner Gepäcktaschen verloren. Ich konnte kein Ersatzteil finden und wollte alles abblasen. Immer wieder wurde ich in den ersten Tagen von Regenschauern überrascht und fand mich oft durchnässt radelnd oder unter einem Baum auf trockeneres Wetter hoffend warten. Wieder fragte ich mich, was das alles soll? Doch es waren die Momente der Freiheit, des Glücks und die wunderschönen Landschaften, die mich motivierten weiter zu radeln. Als nach 16 Tagen kurz hinter der deutschen Grenze meine Hinterradachse brach, hatte ich einen der schönsten Urlaube verbracht. Ich hatte meine verrückte Idee in die Tat umgesetzt und Schweden von einer Seite kennengelernt, die nicht jeder zu Gesicht bekommt. Ich wusste, dass dies nicht meine letzte Mehrtagesradtour gewesen ist. Das war im Sommer 2013.

Seither habe ich viele Ideen gehabt, aber wenige realisiert. Rhein, Donau oder Elbe hinab. Endlich zur Ostsee radeln. Oder quer durch die Baltikstaaten. Nun fast drei Jahre später ist es endlich so weit und meine Pläne haben sich verfestigt. Es wird nicht exotisch sondern bodenständig. Eine Tour zum Bodensee, drum herum und wieder zurück. Dass ich da nicht die Einsamkeit wie auf Schwedens abgelegenen Straßen genießen kann, sondern wahrscheinlich Slalom um Fußgänger und andere Radtouristen fahren muss, versuche ich gerade noch auszublenden. Stattdessen würde ich viel lieber sofort mein Gepäck satteln und losradeln und jeden Morgen nachdem ich aus meinem Zelt herausgekrabbelt bin, eine Runde schwimmen gehen.

Doch bis es soweit ist, werden noch ein paar Monate vergehen und ich muss mich mit der täglichen Pendeltour zur Arbeit und einigen längeren Tagestouren begnügen, weil ich bei schönen Wetter einfach nicht drinnen sitzen bleiben kann und Hummeln im Hintern habe.

Mittlerweile habe ich mich von meinem grünen Drahtesel verabschiedet und will den Komfort meines neuen Rades nicht mehr missen. Es liegen wirklich viele Welten dazwischen. Doch so sehr ich mein Fahrrad als innerstädtisches Verkehrsmittel liebe, so sehr kann ich auch all diejenigen verstehen, die Radtouren langweilig finden. Manchmal geht es mir selbst so und aus der geplanten Mehrstundentour wird nur eine Einstundentour, weil mir irgendwie langweilig ist. Doch manchmal gibt es auch Tage an denen ich statt direkt nach Hause zu fahren, einen Umweg fahre, weil das Wetter so schön ist und ich die Sonne genießen möchte. Dann rotieren meine Beine unaufhörlich und bringen mich voran. Manchmal denke ich, ich bin niemand anderes als ein Hamster im Laufrad. Wahrscheinlich stimmt das sogar, aber die Landschaft verändert sich und zieht mal langsamer mal schneller vorbei. Ich liebe es, wenn mir der Fahrtwind durch die Haare weht. Wenn ich den Mund weit auf reiße und tiefe einatme, so als wollte ich den Fahrtwind als Energiequelle nutzen. Wenn ich dann den Kopf zum Himmel strecke der Sonne entgegen und meine Augen schließe, spüre ich die Freiheit. Die Möglichkeit überall hinzufahren und anzuhalten, wann und wo ich möchte.

Vor ein paar Wochen, als ich wieder Mal von der Sonne und dem Radeln euphorisiert nache einer Feierabendtour nach Hause kehre, finde ich einen Brief mit einer der schönsten Karten, die ich bisher gesehen habe. Wenn sogar meine Freunde mir schon Papierfahrräder schicken, bin ich wohl doch fahrrdverliebter als gedacht.

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Mein Papierfahrrad kam mit einem tollen Motto daher:
Lebenskünstler – gehe Wege, auf denen man nicht so schnell vorankommt!

Verfasst von: Juli. | 4. Juni 2016

Mein neuer Freitag, der 13.

…ist von nun an Samstag, der 4.

Samstagmorgen, 10 Uhr, Bahnhof Zürich. Eigentlich sollte ich schon längst an Freiburg vorbei sein und bald Frankfurt am Main erreichen. Doch als hätte ich geahnt, dass meine perfekte Zugverbindung von nur 3,5 Stunden vielleicht etwas länger dauern würde, habe ich mir ein extra Sandwich und zwei Trinkflaschen eingepackt; dazu zwei Bücher, weil ich mich nicht entscheiden konnte und sie beide so leicht waren; sowie meinen Laptop, weil ich beim Zugfahren in letzter Zeit immer so schreibproduktiv bin. Langweilig wird mir so sicher nicht.

So sitze ich nun am Bahnhof und werde statt um 11:50 erst 15:35 mein Ziel erreichen. Nein, dieses Mal ist es nicht die Schuld der DBahn, sondern ganz allein meine eigene.

Samstagmorgen, der Wecker klingelt nach einer viel zu kurzen Nacht und mit Mühe und Not schleppe ich mich aus meinem Bett. Ich ziehe mich an, stopfe alle umliegenden Sachen in meinen Rucksack und versuche ein bisschen das Chaos zu beseitigen, wofür ich gestern Nacht zu müde war. Die Strumpfhose hat schon eine Laufmasche bevor ich sie überhaupt angezogen habe. Statt den Apfel zu schneiden, schneide ich mir in den Finger. Statt Milch gieße ich das heiße Teewasser über mein Müsli. Gerade als ich zum Bahnhof radeln will, fängt es in Strömen zu regnen an. Also schnell noch von Kopf bis Fuß die Regenschutzkleidung anziehen. Ich bin spät dran, aber schaffe es wieder einmal in Rekordzeit zum Bahnhof – Aquaplaning sei Dank – und bekomme sogar einen freien Fahrradstellplatz gleich in der ersten Reihe. Ohne zu Hetzen steige ich in den Zug und wundere mich, dass nicht ein einziger Platz reserviert ist.

Zehn Minuten später schwant mir das Unglück. So viele Dörfer und grüne Hügel liegen doch gar nicht zwischen Basel SBB und Basel Badischer Bahnhof. Dann überqueren wir einen Fluss. Nein, das dürfte eigentlich nicht sein. Vielleicht entfällt heute der Halt am Badischen Bahnhof, versuche ich mich zu beruhigen. Doch als wir an einem Bahnhof namens Dulliken vorbei fahren, habe ich Gewissheit.

„Einer ist immer der Dumme und heute hat es Sie getroffen“, meint der Zugbegleiter mit einem Schmunzeln. „Jedes Mal haben wir mindestens eine Person, die in den falschen Zug eingestiegen ist.“ Ich versuche die Begebenheit des Morgens zu rekonstruieren. Da stand doch nur ein einziger Zug als ich auf das Gleis kam. Ein ICE. Ich bin einfach eingestiegen und hatte nicht auf die Anzeigetafel geschaut. Für den Zugbegleiter scheint es Routine zu sein. Er tippt ein bisschen auf seinem Gerät herum. Dann druckt er mir eine Bestätigung und eine neue Zugverbindung aus. Ich muss nicht einmal ein gültiges Ticket lösen, weder für die Fahrt nach Zürich noch als Ersatz für mein nun nicht mehr gültiges Sparpreisticket mit Zugbindung.

Als ich ihm erkläre, dass ich nun leider die Trauung verpassen werde (immerhin nicht meine eigene), hofft er, dass ich wenigstens zur Feier pünktlich dort bin und leiht mir sein Handy damit ich kurz den Abholservice über meine neue Ankunftszeit kontaktieren kann. Mein eigenes habe ich zur Feier des Tages auf meinem Schreibtisch zu Hause liegen lassen.

Zweieinhalb Stunden später bin ich wieder an meinem Ausgangspunkt. Es regnet immer noch in Strömen und die Fahrkarten werden kontrolliert. Es ist der selbe Zugbegleiter und mit den Worten, „Damit Sie sich schon mal in Stimmung bringen können.“, drückt er mir einen Gutschein für das Bordrestaurant in die Hand.

Ich bleibe im Zug sitzen, um versehentlich nicht wieder in den falschen Zug zu steigen. Von jetzt an kann es nur noch besser werden.

Verfasst von: Juli. | 11. Mai 2016

Frühlingssonne

Es wird Sommer. Die Tage werden wieder länger und mein Zeitgefühl betrügt mich immer öfter. Manchmal verliere ich mich in der Arbeit, nachdem ich das Mittagstief erfolgreich überwunden habe und werde zu später Stunde von meinem knurrenden Magen daran erinnert, dass ich langsam nach Hause fahren sollte. An anderen Tagen schaue ich seit der Mittagspause sehnsüchtig durchs Fenster hinaus den Wolken bei ihrer Reise am blauen Himmel entlang zu und ärgere mich, dass ich statt draußen die schönen Tage zu genießen im Büro sitzen muss.

Heute ist so ein Tag an dem ich nach der Arbeit meine freie Zeit mit einem Buch auf der Wiese vorm Haus verbringe. Wie schön ist es doch nach Feierabend noch ein paar Stunden in der untergehenden Sonne genießen zu können. Ich würde gerne jeden Tag hier sitzen. Langsam senkt sich die Sonne. Die Luft ist warm und das Licht wird es auch. Die Wiese wirkt weich und federleicht schwanken die Gräser im Wind. Ein rot-gelber Schleier aus Blüten von Sauerampfer und Hahnenfuß hat sich über sie gelegt, dazwischen Rotkleeblüten und Wegerich. Ein paar Früchte des Löwenzahns fliegen wie Miniaturfallschirme gemächlich durch die Luft. Ich kann mich nicht entscheiden, ob ich mit meinem Buch weiter in die Tiefen der südafrikanischen Karoo versinken soll oder einfach den Gräsern im Winde zuschaue, während die Sonne in mein Gesicht scheint. Es ist Frühling – meine Lieblingsjahreszeit! Dann wenn die Welt draußen mit jedem Tag grüner und bunter wird und die Tage warm, aber noch nicht zu heiß. Ich sitze auf der Wiese, in der ich kaum zu sehen bin, weil die Gräser und Kräuter so hochgewachsen sind. Ich möchte alles ernten und einen Wildkräutersalat machen mit Löwenzahnblüten und Blättern, mit Sauerampfer und ein paar Rotkleeblüten. Ich möchte hier mein Bett aufschlagen, weil das Gras so weich ist und sehen wie der Himmel sein Kleid von strahlendblau zu tiefschwarz mit winzigem Sternenmuster verwandelt.

Ich schließe die Augen und spüre die Sonnenstrahlen im Gesicht. Ich erinnere mich an die schöne entspannte Zeit vor zwei Jahren als ich zwar oft früh aufstehen, aber dafür den ganzen Tag draußen in der Natur, statt im Büro, bei Wanderprogrammen in der Sächsischen Schweiz verbracht habe. Manchmal haben wir alles Essbare von Brombeerblättern bis hin zu Brennesseln gesammelt und Tee, Rührei oder Pesto gemacht. Komisch sah es manchmal aus, doch lecker war es immer. Lange ist es her, dass ich dort zu Besuch gewesen bin und obwohl ich jetzt viel größere Berge fast vor der Haustür habe, würde ich sie gern mal wieder besuchen, diese einzigartige Landschaft mit ihren seltsamen Felsen…

Ich öffne die Augen und wünschte, die Sonne würde stundenlang untergehen. Leider tut sie das nicht. Leider werde ich heute weder einen Wildkräutersalat essen, noch hier mein Bett aufschlagen, denn diese Wiese ist auch bei Hunden sehr beliebt.

Ich bin ein Träumer, verliebt in die Natur.

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